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Krazer Bleiholder

Eine schrecklich verwickelte Familie

Hätte sich ein Drehbuchautor die Familienkonstellation ausgedacht, er wäre vermutlich selbst bei Produzenten weniger hochwertiger Daily Soaps mit einem Verweis auf allzu aktive Piepmätze im Oberstüblein nach Hause geschickt worden. Und doch: Noch mehr Patch-Work, als im TV schon gezeigt wird, ist möglich, wie eine wahre deutsch-amerikanische Geschichte belegt. Sie spielt zunächst im heutigen Enzkreis, wo auch die Nachfahrin einer ganzen Reihe handelnder Personen lebt. Anna Catharina Wolfinger betritt in Gräfenhausen die Bühne, wo sie den Metzger Georg Friedrich Krazer heiratet, der, wie auf dem Dorf üblich, auch Landwirtschaft betreibt. So weit, so gut. Die Familie wächst um vier Kinder, doch dann schlägt das Schicksal zu und rafft den Ehemann und Vater in der Blüte seiner Jahre dahin. Die Witwe braucht dringend Hilfe in Haus und Hof und handelt – ob aus Liebe oder Pragmatismus, bleibt der Fantasie überlassen: Sie heiratet ihren 17 Jahre jüngeren Knecht Jonathan Bleiholder aus Birkenfeld. Als sie die 40 bereits überschritten hat, erblicken Zwillinge das Licht der Welt, und anders als so viele andere Kinder ihrer Zeit überleben sowohl Jakob als auch Johannes. Die nächste Zeit verläuft, den Kirchenbuchdaten zu folgen, wenig Telenovela-verdächtig. Anna Catharina erlebt, wie ihre älteren Kinder konfirmiert werden, heiraten, sie sieht die ersten Enkel heranwachsen. Als sie schließlich 1845 mit 68 Jahren stirbt, bleibt Jonathan allein zurück. Eine Ersatzmutter für seine längst erwachsenen Söhne braucht er nicht, sehnt sich aber offenbar nach einer Gefährtin und dreht nun den Spieß um: Seine Auserwählte ist 31 Jahre jünger als er. Der Altersunterschied hindert das Paar nicht daran, zwei weitere Bleiholder-Nachkommen in die Welt zu setzen. Doch Christian und Christine werden nie eine aktive Erinnerung an ihren Vater besitzen: Sie sind Kleinkinder, als Jonathan im Jahr 1850 das Zeitliche segnet. 

Seine aus Birkenfeld stammende Witwe Christiana Juliana geborene Vollmer steht nur vor einer mehr als ungewissen Zukunft. Die Erbteilung verläuft schwierig. Wie die von der bürgerlichen Gemeinde aufbewahrte Akte verrät, zweifeln die Zwillinge den Betrag an, den ihre Stiefmutter laut älteren Abmachungen offenbar zu erwarten hat. Am Ende steht ein Kompromiss der Marke „zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig“. Die junge Frau tut, was so viele Menschen ihrer Generation tun: Sie bricht die Zelte hinter sich ab und sucht gemeinsam mit ihren beiden kleinen Kindern ihr Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Bald erscheint sie in den nun amerikanischen Unterlagen als Mrs. Georg Philipp Weick. Dem drei Jahre jüngeren Salmbacher  schenkt Christiana Juliana sechs Kinder. Der Jüngste, Charles John, wird 1865 in Ohio geboren. In Rosa, einer waschechten Cousine, weil Tochter seiner ebenfalls ausgewanderten Tante Katharina Vollmer, wird er später die Frau seines Lebens finden. Christiana Juliana stirbt 1883, keine 60 Jahre alt, und macht den Mann der Witwe des Witwers der Witwe selbst zum Witwer. Georg Philipp Weick, ein findiger Spielzeughersteller, der Geld genug hat, um sich und seine Lieben ablichten zu lassen, bleibt nicht alleine. Er sagt drei weitere Male „Ja“, unter anderem zur Witwe Jacobine Rall, die – wie sollte es anders sein – eine Schwester seiner verstorbenen Frau Christiana Juliana ist.

Kompliziert genug? Noch nicht. In Württemberg ist das Leben und Sterben mittlerweile ebenfalls weitergegangen. Jakob, einer der Bleiholder-Zwillinge, ist unter anderem Vater der Tochter Rosina geworden. Sein Halbbruder Johann Daniel aus der Krazer-Ehe erfreut sich des Sohnes Karl Heinrich. Halbvetter und –base gäben doch ein prima Paar ab, findet Johann Daniel und handelt mit Jakob die Ehe aus. Arrangiert oder nicht, die Partnerschaft verläuft glücklich, und ein Bild der beiden erfreut heute die Verfasserin dieses Textes. Dieser ist durch die innerfamiliäre Verbindung zwar eine vierfach-Urgroßmutter und das damit verbundene Gen-Paket verlorengegangen. Umso mehr Verwandtschaft in den nachfolgenden Generationen hat ihr aber ein DNA-Test beschert. 

Ob in Gräfenhausen oder weit entfernt in den USA: In den weltweiten Datenbanken sind Verwandte aus beinahe allen geschlossenen Ehen zu finden. Dort tummeln sich Nachfahren des Georg Friedrich Krazer ebenso wie des Jakob und Johannes Bleiholder. Deren Halbgeschwister Christian und Christine haben DNA-getestete Enkel und Urenkel in den Staaten, und auch der jüngste Spross aus Christiana Julianas zweiter Ehe hat der deutschen Spurensucherin einen Treffer beschert. Woher aber kommt die vergleichsweise hohe genetische Übereinstimmung mit der Frau aus Minnesota, die doch weder Krazer- noch Bleiholder-Vorfahren im Stammbaum hat? Die Kirchenbücher enthüllen die ganze Wahrheit. Als Christiana Juliana Vollmer einst ihren Jonathan heiratete, ehelichte sie damit den Sohn ihrer Großtante, die wiederum eine geborene Wolfinger und Verwandte der Anna Catharina war. Das Leben hat eine wahrhaft verwickelte Geschichte geschrieben. Zeit für den Abspann. 

Foto:

Nach Jonathan Bleiholders Tod entstand eine umfangreiche Akte. Die Erbsache führte zu Unstimmigkeiten zwischen der Witwe. Sie unterschreibt das Dokument, ihr Stiefsohn Jakob ebenfalls. Dessen Bruder Johannes verweigert seine Signatur.







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