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Birkenfeld Vester


Die nette Nettie mit Wurzeln in Birkenfeld

Was geschieht mit alten Zeitungen? Sie werden weggeworfen, zu Einwickelpapier umfunktioniert, mit Glück landen Ausschnitte in der Schublade. Oder sie werden archiviert und auf diese Weise zu Brückenbauern zwischen Familienmitgliedern, die sonst nie voneinander gehört hätten. Wie in diesem Fall.

Die passionierte Ahnenforscherin investiert neben Zeit auch Geld in ihr Hobby und leistet sich die Mitgliedschaft bei einem großen Internetportal, das die hochgeladenen Stammbäume der Nutzer miteinander verknüpft. Taucht ein Name in verschiedenen Genealogien auf, erhält der Verwalter der Daten einen Hinweis und kann eventuell neue Erkenntnisse aus dem Baum des vermutlich Verwandten übernehmen. Ähnliche Chancen ergeben sich dann, wenn das System eine Übereinstimmung mit Kirchenbüchern und vielen weiteren hinterlegten Dokumenten erkennt.

„Match“ nennt sich solch ein Treffer auf Neudeutsch, und zur Überraschung der im süddeutschen Raum Verwurzelten bezieht sich eine Meldung auf eine amerikanische Zeitung. Der „Springfield Republican“ vom August 1908 will etwas über einen Birkenfelder Ururgroßonkel namens Georg Friedrich Vester wissen. Und die Zeitung, erschienen in der heute drittgrößten Stadt im US-Bundesstaat Massachusetts, lügt nicht. Sie berichtet ausführlich und ohne jegliche Bedenken in Sachen Datenschutz vom Freitod des damals 60-Jährigen, der, so viel hat das Birkenfelder Kirchenbuch schon Jahre zuvor enthüllt, 1847 geboren und 1865 nach Nordamerika ausgewandert ist. Das Leben hat es zunächst gut mit ihm gemeint, erfährt die Ururenkelin der Schwester Georg Friedrichs. Der Neuankömmling hat es zu einem bekannten Likörhändler und Saloonbesitzer gebracht und sich unter anderem im Liederkranz (ja, so geschrieben) seiner Stadt engagiert. Doch dann spielt die Gesundheit nicht mehr mit. Der mit einer gebürtigen Hessin Verheiratete gibt das Geschäft auf und verdient sein Geld fortan als Hausmeister, bis eine fortschreitende Asthmaerkrankung auch dies nicht mehr erlaubt. Zum ersten Mal in seinem Leben sei er einen Tag untätig gewesen, schreibt der namentlich nicht benannte Berichterstatter des „Springfield Republican“ und schildert weiterhin ausführlich, wie der Verzweifelte im Haus seiner Tochter Carrie ein Fläschchen mit Gift zückt und nach wenigen Minuten stirbt. Plastisch beschreibt der Zeitungsmann die Szene, gewissenhaft listet er auf, wer um „einen der bekanntesten unter den deutschen Bewohnern dieser Stadt“ trauert. Eine Bemerkung macht neugierig. Die Tochter Nettie sei eine begabte Sängerin. 

Nun kann sich Begabung im lokalen Raum entfalten und sei dadurch nicht geschmälert. Bei Nettie allerdings zeigt eine Suche in der Zeitungsdatenbank, dass sie keineswegs der Star des Springfield Liederkranz war. Ihre Bühne war ganz Nordamerika. Sie sei als junges Mädchen nach New York gegangen, um Gesang zu studieren, verraten die örtlichen Blätter, die übrigens auch Schwester Minna ein gutes Zeugnis als Vortragskünstlerin ausstellen. Doch nur Nettie wird es sein, die in die große Welt auszieht. Ihr Metier heißt Vaudeville, ein Genre des US-amerikanischen Unterhaltungstheaters, das just, als Nettie ihre Karriere beginnt, auf dem Zenit seiner Beliebtheit steht. Dass häufig sie es ist, die in der losen, revueartigen Folge von Musik, Tanz und Akrobatik besonders heraussticht, belegen Zeitungsberichte, die neben Netties Gesangskünsten ihre Schönheit und ihren Witz loben. Auch in einem abendfüllenden Stück erhält sie glänzende Kritiken: Sie ist Dorothy, die Hauptfigur im „Der Zauberer von Oz“, als die später Judy Garland in der Verfilmung des Stoffs weltberühmt werden wird.

Netta Vesta, so nennt sich die Künstlerin, reist von Boston nach San Francisco, von Theater zu Theater. Bilder von ihr sind auf den Feuilleton-Seiten zu sehen, die sie in üppigen Kleidern und unter ausladenden Hüten zeigen. Zu erahnen ist die schlanke Gestalt, sind helle, kunstvoll drapierte Haare, klar zu erkennen ist ein offenes Gesicht mit einer für den heutigen Geschmack eher kräftigen Nase. Ein Foto ziert sogar das Cover eines Notenheftes mit bekannten Schlagern jener Zeit.

Über ihr Privatleben in dieser Hochphase ihrer Karriere zwischen 1905 und 1909 ist nichts bekannt, nur so viel: Tochter Helen, die 1898 aus einer kurzen Ehe mit einem Mister Chase hervorgegangen ist, lebt in Springfield im Haushalt ihrer Tante Minna. Volkszählungslisten legen Zeugnis davon ab, Schuljahrbücher ebenso, auch beim Tod der Großmutter im Jahr 1920 wird Helen erwähnt. Warum hat Nettie sie nicht zu sich geholt? Spätestens 1910 hat sich Netta in eine bürgerliche „Housewife“ zurückverwandelt. Auch ihr Nachname hat sich verändert, hat sie doch den New Yorker Arzt Dr. Henry Otto Clauss geheiratet und lebt mit ihm im Stadtteil Flushing. Clauss ist einiges älter, teilt aber Netties Schicksal in zweifacher Hinsicht: Auch sein Vater ist von eigener Hand gestorben, auch er hat eine Beziehung hinter sich.

Über ihn, der ebenfalls deutsche Wurzeln hat, hat ein Mitglied der Familie Clauss Informationen zusammengetragen. Dieser Datensammlung, veröffentlicht auf der Internetseite „Find a Grave“, ist zu entnehmen, dass der Arzt überwiegend im Künstler- und Sportlermilieu verkehrte, unter anderem die New Yorker Hockey-Teams medizinisch betreute. Über seine zweite Frau schweigen nun die Zeitungen. Womit hat sie sich in den vielen weiteren Jahren ihres Lebens, seit 1939 als Witwe, beschäftigt? 1963 stirbt Nettie in New York, und der Wunsch, mehr über sie herauszufinden, lässt die Nachfahrin desselben Birkenfelders Schmieds Johann Andreas Vester, dessen Enkelin Nettie war, nicht los.

Sie folgt den Spuren der Geschwister Netties. Minna, Ehefrau eines Streifenpolizisten, muss schon in ihren Vierzigern diese Erde verlassen. George Frederick, Vater dreier kleiner Söhne, stirbt wenige Tage vor seiner Mutter im Jahr 1920. Caroline, Carrie genannt, lebt als Ehefrau des Thomas Clampit in Springfield und setzt die nächste berühmte Persönlichkeit in die Welt: Ihr Sohn Ralph Vester Clampit wird 1943 Senator im Bundesstaat Massachusetts. Zeitungsbilder zeigen einen meist ernst dreinblickenden schlanken Mann, der laut Nachruf keine eigenen Kinder, aber etliche von ihm formulierte Gesetze hinterlassen hat.

Nachrufe in den USA sind überhaupt eine sprudelnde Quelle, was Informationen zu Familienmitgliedern von Verstorbenen angeht. Irgendwann stößt die Ahnenforscherin auf eine Urenkelin des Auswanderers Vester, die in Florida lebt. Eine Verwandte aus North Carolina übernimmt den Telefondienst und fragt bei der Dame vorsichtig nach weiteren Informationen. Nein, über Nettie wisse sie nichts, heißt es aus Florida, doch da gebe es ja noch die Cousine in Connecticut, die Vester-Daten sammle und schon mehrfach nach Deutschland gereist sei. Martha ist tatsächlich eine große Hilfe, auch wenn die Artikel und Informationen, die sie über Nettie zusammengetragen hat, nicht aus persönlichen Begegnungen gespeist sind, sondern dem Internet entstammen. Nein, was aus Tochter Helen geworden sei, wisse niemand in der Familie. Doch Birkenfeld sei großartig, schwärmt sie von einem Besuch, der in Form von Kontakten zu einigen Familienmitgliedern nachwirke. Wenn das der Reporter des Springfield Republican geahnt hätte…

Bild:

Der Taufbucheintrag des Auswanderers Georg Friedrich Vester im Birkenfelder Kirchenbuch.







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