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Katharina Luise Schäfer Maierhofer

Eine ernste Frau, eine Spurensuche und ein Blick in den Abgrund des KZ

Unter den Fotos von Familienangehörigen an der Wand des Wohnzimmers befindet sich das Porträt einer streng dreinblickenden Frau. Akkurat gescheitelt, ein Gesangbuch in der einen Hand haltend, die andere Hand fast trotzig zur Faust geballt, sitzt sie auf einem Stuhl und vermeidet den Blick in die Kamera des Fotografen. Sie wirkt traurig, ein wenig rätselhaft. Wann hat Katharina Luise geborene Schäfer diese Aufnahme anfertigen lassen und zu welchem Anlass? Fakt ist, dass ihre Enkelin das Bild aufbewahrt und weitervererbt hat. Erinnerungen an die am 23. November 1847 in Großsachsenheim geborene Frau sind nicht überliefert. Selbst ihr Todesdatum blieb lange ein Mysterium. Am 28. April 1922 hat sie in Illingen, wohin ihre einzig überlebende Tochter gezogen ist, ihren letzten Atemzug getan – als Witwe des in Horrheim geborenen Jakob Heinrich Maierhofer, dessen Herkunft und Persönlichkeit ebenso im Dunkeln liegen.

Wo keine persönlichen Erinnerungen erhalten geblieben sind, müssen die Archive sprechen. Eine erste Suche führt ins Landeskirchliche Archiv in Stuttgart, wo Tausende Microfilmrollen auf entsprechenden Geräten ausgelesen werden können und den Blick in die Kirchenbücher eröffnen. Sie verraten über Katharina Luise unter anderem, dass sie etliche Jahre vor ihrer Hochzeit einen Sohn zur Welt gebracht hat. Der Junge erhält die Namen seines Großvaters Jakob Friedrich, aber er wird ihn nie kennenlernen, denn nach gerade drei Wochen endet das Leben des Säuglings. Ob Jakob Heinrich Maierhofer, den Katharina Luise Schäfer im November 1876 heiratet, der Vater dieses Kindes war, ist unsicher. Jedenfalls scheint ihn die Vergangenheit seiner Braut nicht zu stören. Wie sollte er sie auch beschuldigen, wo er doch selbst seinen Vater nicht kennt und das Kind einer Frau ist, die vor ihrer Hochzeit nicht weniger als sechs uneheliche Söhne und Töchter geboren hat?

Das Ehepaar Maierhofer bekommt viermal Nachwuchs, und zwei Kinder sterben früh. Wenige Familien bleiben von diesem Fluch verschont. Katharina Luise hat es in der eigenen Jugend erlebt: Ihre Eltern Jakob Friedrich Schäfer und Susanne Magdalene geborene Schöneck verlieren von sieben Kindern zwei an einen frühen Tod. Ein weiterer Sohn stirbt als junger Erwachsener. Es bleiben drei Töchter, die allesamt heiraten. Die Wahl der jüngsten Tochter Caroline Gottliebin fällt auf einen Mann namens Karl Christian Heck. Wie ihre Schwestern scheint sie ein äußerst bescheidenes, unspektakuläres Leben zu führen. Kontakte zu den Nachfahren bestehen nicht.

Erst wesentlich später tauchen weitere Erkenntnisse auf. Die Internetseite Find a Grave kennt Todeszeitpunkt und Sterbeort eines der Söhne der Familie Heck. Warum ist der 1883 in Bietigheim geborene Christian Heinrich 1942 in Dachau gestorben? Unterlagen des Archivs in Arolsen verraten, dass er im Konzentrationslager ums Leben kam – als einer der Häftlinge, die zunächst in „normalen“ Gefängnissen einsaßen und schließlich ins KZ überführt wurden. Welcher Tat Heck beschuldigt wurde, ist den Unterlagen nicht zu entnehmen. Ansonsten aber sind die Verwalter des Schreckens gründlich. Dem ledigen Hilfsarbeiter Heck, vorher wohnhaft an der Friedrichstraße in Bietigheim, wird bescheinigt, bei seiner Aufnahme ins Lager knapp 42, bei seinem Tod noch 20 Mark besessen zu haben. Was führte zu seinem Tod am 9. Juli 1942? Auch hier ist die Bürokratie sehr gründlich. In einem Schreiben an die Kommandantur des Lagers heißt es wörtlich: „Der Arbeitszwangshäftling Nr. 28710 Heck, Christian, geb. am 2.7.83 in Bietigheim, ist am 9. Juli 1942 verstorben. H. wurde am 16.5.42 wegen Bauwassersucht und Ödemen in dem Häftlingskrankenhaus aufgenommen. Ödematöse Schwellung an beiden Beinen. Der Leib ist stark aufgetrieben. Es treten Herzbeschwerden und Atemnot auf. Der Zustand des Patienten verschlechtert sich wesentlich. In den Abendstunden des 9. 7.42 tritt Herz und Kreislaufschwäche ein, die um 20 Uhr zum Tode führt (…).“ Ein Dr. Jäger stellt den Leichenschauschein aus.

Stolpersteine als Erinnerung an die Opfer des NS-Terrors wurden in Bietigheim verlegt, allerdings bisher nicht für Christian Heck. Seine Tante Katharina Luise Maierhofer geborene Schäfer hat den Tod ihres Neffen nicht erlebt. Sollten ihre Kinder vom Schicksal des Vettern erfahren haben, so haben sie sich darüber ausgeschwiegen.







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